Verfasst von: sibyllemeder | 14. April 2010

Angela Merkel brennt …

…und andere Kleinigkeiten

Als Deutsche einen Dokumentarfilm auf einer kleinen griechischen Insel in Zeiten der Euro-Krise zu drehen, ist nicht immer eine unpolitische Sache. Auch wenn „Der Inselbus“ eher die feinen Töne anschlägt und die Entwicklung, die Tilos vom Agrar-Eiland zum (bescheidenen) Tourismusort unternommen hat, nur nebenher kritisch beäugt, dabei Nebeneffekte und die persönlichen Geschichten einzelner Inselbewohner in den Mittelpunkt rückt und die – sowieso viel weniger fotogenen – Akteure der politischen Bühne mal wohltuend abwesend sein lässt, so hat sich die große Politik jetzt doch ins Bild geschlichen. Und das ausgerechnet zu Ostern!

Feiern wie die Feste fallen

Da stand ich also, eure treue Kolumnistin, hinter meiner Kamera, die Kopfhörer fungierten angenehm als Gehörschutz, denn einmal ausgepegelt konnte ich ihnen den Ton abdrehen und die zahlreichen Knallfrösche explodierten rechts und links von mir im offenen Hof der Panagia-Kirche in Megalo Chorio, hallten von den Felswänden wieder, dass es nur so eine Freude war, aber mein arg geschundenes Gehör hatte angenehm gedämpften Ton. Links und rechts quietschende Mädchen in Stöckelschuhen, die sich über das Chochlaki-Kopfstein-Pflaster vor den „Bomben“ in den Schutz der Kirche retteten, und coole Jungs, die die nächste Ladung Knaller zündeten, die Zigarette lässig im Mundwinkel, Todesverachtung im Blick.

Lebensgefahr bestand vielleicht nicht, dafür haben sie alle schon zu viel Erfahrung mit der Osterböllerei. Und zu ihrer Ehre muss auch gesagt werden, dass sämtliche strategisch ungünstig platzierten Kleinkinder immer einen Retter in Form eines kräftig gebauten Mittzwanzigers finden, der sie im letzten Moment aus der Schusslinie reißt und – ihnen die Ohren fest zuhaltend, während die „Bombe“ detoniert – sicher und mit verzücktem Lächeln auf Mutters Schoß abliefert. Dabei hilft es natürlich, wenn jeder jeden kennt und man weiß, welcher verwirrte Zweijährige zu welcher Mama gehört.

Da stand ich also auf der Kirchhofmauer und filmte fleißig die Strohpuppe, die am Kirchturm wie an einem Galgen baumelte und auf das Feuer wartete. Den Nicht-Eingeweihten sei erklärt: Bei orthodoxen Osterfeiern ist es Brauch, am Sonntag Nachmittag nach dem Gottesdienst den „Evräos“ – wörtlich: den Juden, symbolisch aber Judas als Verräter Christi – in Form einer Strohpuppe zu verbrennen. Für deutsche – und wohl noch mehr für jüdische – Ohren klingt das monströs. Ich frage mich, wie orthodoxe Gemeinden in Deutschland diese Tradition nennen. Ich hatte bisher nur vom „Verbrennen des Judas“ gehört, bis mir in diesem Jahr klar wurde, dass das griechische Wort „εβραιος“ auf Deutsch „hebräisch, jüdisch“ bedeutet.

Sensibilitäten in Bezug auf Inquisition und Holocaust hin oder her, der Brauch hat vermutlich wesentlich ältere Wurzeln in Frühjahrsriten. (Ähnlich vielleicht dem Verbrennen von Strohpuppen am Ende der alemannischen Fastnacht.) Dass Menschen Vergnügen daran hatten und haben, Ebenbilder ihrer Artgenossen zu verbrennen, ist vielleicht harmloser als das Verbrennen jener Artgenossen selbst. Vielleicht. Symbol, rituelle Handlung, Ersatz … und so weiter. Wie dem auch sei, die Strohpuppe wird verbrannt, jedes Jahr, und die Böller werden gezündet. Ob das tatsächlicher Gewalt durch Ritual vorbeugt, diese Interpretation überlasse ich Psycho- und Soziologen.

In diesem Jahr gab es aber eine Neuerung. Dort baumelte nicht nur der ausgestopfte Mann am Glockenturm, der in früheren Jahren auch schon mal ein Hakenkreuz aufs Hemd gemalt hatte. (Ausgleichender Gebrauch von Symbolen?) Nein, dieses Jahr gab es auch eine weibliche Strohpuppe mit Kussmund und blonden Zöpfchen.
„Gleichberechtigung der Geschlechter?“, fragte ich mich. „Vielleicht also war Judas eine Frau?“ (Wird ja auch von anderen Jüngern hin und wieder behauptet. Warum nicht auch vom Verräter schlechthin?)

Aber weit gefehlt! Als ich die Linse richtig fokussiert hatte, wurde deutlich: der Symbolismus war viel aktueller – und Uwe Walz wäre nicht zufrieden mit den Zöpfchen. Ein Pappschild um den Hals der Strohdame machte unmissverständlich deutlich, dass es sich hier um die rituelle Austreibung eines ganz neuen Dämons der Griechen handeln sollte. Auf dem Schild um den Hals der Dame stand schlicht und einfach: „Angela Merkel“.

Es ist etwas schwierig zu beschreiben, wie es sich anfühlt, die symbolische Verbrennung der Regierungschefin des eigenen Herkunftslandes, mit der man politisch überhaupt nicht übereinstimmt, im Kreis fröhlich lärmender Griechen zu filmen, die einen glücklich lächelnd fragen: „Hast du das Schild gut drauf? Kann man’s lesen?“ Ich überlasse die Vorstellung, wie das wohl sein mag, jeder Leserin und jedem Leser selbst – und ohne Zweifel wird jeder je nach Temperament, ethischer oder politischer Überzeugung zu einem anderen Schluss kommen. Wer’s sich nicht vorstellen kann, sollte in ein paar Wochen auf dieser Seite den fertigen Osterfilm anschauen.

Eines aber steht fest: eine Lektion in Sachen politische Symbole, crowd control und Nationalstolz (in welcher Richtung auch immer) war es auf jeden Fall – und in Sachen Humor – oder Mangel daran…


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